Das letzte Rad
Kriminalroman am Niederrhein
Heinrich Sobeck will ein paar ruhige Tage am Niederrhein verbringen. Doch dann wird sein geliebtes Rennrad gestohlen.
Aufs Rennrad »
Heinrich Sobeck hat noch zwei Jahre bis zu seinem Abi im Thomaeum in Kempen. Mit seinem Freund Erik steigt er Nachmittags aufs Rennrad, um den frustrierenden Alltag in der Schule und mit den Eltern zu vergessen. Nicht seine einzige Sportart: Er hat gerade frisch einen neuen Gürtel in Karate abgelegt. Als Heinrich miterlebt, wie ein Mitschüler bestohlen wird, rastet er aus und tritt die Täter in die Flucht. Nun hat Heinrich ein Problem: Der Direktor will ihn von der Schule werfen. Um dem Rauswurf zu entgehen, gibt der Direktor Heinrich eine letzte Chance: Er soll einen Artikel über Gewalt in der Schule schreiben. Heinrich verbeißt sich in das Thema und beginnt seinen Artikel für die Schülerzeitung. Da wird der Rechner mit der ganzen Arbeit gestohlen. Heinrich schlüpft in die neue Rolle als Detektiv und macht sich auf die Suche nach Rechner und Artikel. Dabei muss er lernen, einzustecken…
Eine Zigarette. Jetzt eine Zigarette! Ich hatte so richtig Schmacht. Ich brauchte jetzt eine Kippe. Sofort!
Mann, ich rauchte erst seit einem halben Jahr, aber das Nikotin hatte mich voll im Griff. Wenn der Abend zu Ende ging, hatte ich meist eine ganze Schachtel hinter mir. Was musste ich mir nicht alles anhören. Du machst dich kaputt! Du ruinierst deine Gesundheit! Meine Eltern und meine jüngere Schwester konnten ganz schön nervig sein. Und dann erst meine große Liebe. Judy. Seitdem ich sie das erste Mal mit qualmender Lunge angehaucht hatte, weigerte sie sich mir auf den Schoß zu springen. Sie hatte sich so verächtlich umgedreht und war aus meinem Zimmer stolziert, wie es nur eine Katze konnte. Nun ja, und was meine Sportkollegen beim Radfahren oder beim Rumschlagen dazu sagten, war auch nicht gerade sehr positiv.
Mein Trainingspartner auf dem Rennrad hatte wenigstens auch mit den Kippen angefangen und ein wenig Verständnis für meine Abhängigkeit. Erik war in der 12 und damit eine Stufe über mir, aber in den Pausen gluckten wir beide mehr aufeinander als mit den anderen aus unserer Stufe. Wenn man fast jeden Tag den Hintern des anderen beim Windschattenfahren küsst, das schweißt schon zusammen.
Die erste große Pause hatte gerade angefangen. Die jungen Schreihälse rannten quer über den Schulhof des Thomaeums und stießen sich gegenseitig auf den Asphalt. Ich hielt Zeige- und Mittelfinger vor den Mund und signalisierte Erik, dass ich eine Kippe brauchte. Er nickte mir zu, sah sich um, welcher Lehrer heute Aufsicht hatte. Kain, unser Bär aus der Physik. Er würde uns nicht zur Rede stellen, wenn wir mal wieder Verbotenes machten.
Wir wollten hinter die alte Turnhalle gehen. Vor dem Nebeneingang im Windfang war zwar die halboffizielle Raucherzone, aber da hingen auch immer die Lehrer aus der Biologenszene herum, die zwar selbst Kette rauchten, die Schüler aber ungefragt über die biologischen Folgen des Rauchens aufklärten. Auf diesen missionarischen Eifer hatte ich nun überhaupt keine Lust.
Nein, die Turnhalle war besser. Da könnte ich mit Erik in aller Ruhe eine Kippe durchziehen und wir könnten bereden, wo wir die Gruppe heute Nachmittag beim Training entlang scheuchen würden. Den Vennweg an der Grenze zu den Kaasköppen bei Straelen waren wir schon lange nicht mehr gefahren. So dachte ich jedenfalls.
Aber wie das immer so ist, wenn man sich eine schöne Vorstellung macht und das Ziel einer Kippe direkt vor sich sieht, dann kommt doch etwas dazwischen. In diesem Fall Siebert und Zirkowski.
Die beiden waren wie Erik in der 12. Sie rauchten auch beide. Damit erschöpften sich auch schon die Gemeinsamkeiten. Die beiden waren nicht mehr jeden Tag in der Schule und konnten sich die neuesten Klamotten leisten. Woher sie das Geld dafür hatten? Nun, als ich um die Ecke zu der geheimen Raucherzone schlich, sah ich sie bei der Geldbeschaffung. Es gab einige Kinder reicher Eltern im Thomaeum, die immer die neuesten und nicht gerade die billigsten Klamotten anhatten. So auch einer dieser Jungs aus der Mittelstufe, schmächtiges Jungchen, aber Papa dickes Tier bei einer Bank in Krefeld. Als ich ihn sah, versenkte Zirkowski gerade seine rechte Faust in den Magen des Jungchen. Er ging zu Boden. Siebert trat mit voller Wucht mit seinem Adidas für 200 Mark in die Eier des Jungen. Dann brüllte Zirkowski, dass der Junge die Jacke ausziehen sollte.
Erik war hinter mir. Er schilderte mir später, was ich angestellt hatte, denn nach solchen Momenten fehlte mir die Erinnerung. Ich hatte von einer Sekunde auf die andere die Zigarette vergessen und stürmte auf die Schläger los. Zirkowski musste einen sehr irritierten Eindruck gemacht haben, als mein rechter Schuh ihn volle Kanne ins Gesicht traf. Er ging sofort zu Boden. Siebert langte mir eine. Ich wehrte den Schlag in Richtung Brustkorb ab. Der Schmerz an der Brust machte mich rasend! Er griff in seine schnieke Lederjacke. Keine Ahnung, was er bei sich trug, aber er kam nicht mehr dazu, es herauszuholen. Ich drehte mich einmal um mich selbst und donnerte den rechten Schuh mit voller Wucht gegen den Arm. Ach doch, ich erinnerte mich an etwas, nämlich an das Knacken des Arms von Siebert. Dann ging auch er zu Boden.
Erik half dem Jungen auf die Beine. Ein kleines Rinnsal von Blut lief an seinem Mundwinkel herunter. Der Junge riss sich los und lief stolpernd auf den Schulhof, heulte und schrie nach dem Lehrer. Zirkowski wollte sich aufrichten. Ich griff seinen Arm und drückte ihm dem Schuh in den Nacken bis er wimmerte.
„Lassen Sie los, Sobeck!“ brüllte Kain von hinten.
„Sobeck, was schreiben Sie da?“
„Das hat alles mit Ihren Ausführungen zu tun, Herr Böllerberg.“
Ich faltete den Zettel vorsichtshalber zusammen.
„Geben Sie mir den Zettel“, forderte Böllerberg mich auf. Dabei streckte er seine Pranke in meine Richtung.
„Tut mir aufrichtig Leid, Herr Böllerberg“, sagte ich freundlich, „aber das sind sehr vertrauliche Informationen, die nicht in die Hände Dritter geraten können.“
Es wurde still im Raum. Sehr still. Mir schien, als hätten alle Mitschüler das Atmen eingestellt.
„Sobeck“, blickte Böllerberg mich mit seinen blauen Raubtieraugen an, „ich habe mein Studium auf der Baustelle verdient.“
Ich lehnte mich zurück und zeigte Böllerberg ein gewinnendes Lächeln.
„Ach, Herr Böllerberg“, begann ich mit freundlich erhobener Stimme, „hatte ich Ihnen übrigens schon gesagt, dass ich vorletzte Woche den Grünen Gürtel in Karate bestanden habe? Und wussten Sie schon, dass Schüler in Notwehr handeln, wenn Sie innerhalb von drei Sekunden zurückschlagen, wenn ein Lehrer sie angreift?“
Um mich herum war es nun so still, dass man die Kirchenglocken in Grefrath als ohrenbetäubend empfunden hätte. Ich spürte, dass alle Augen auf mich gerichtet waren. Was ich riechen konnte, war der Angstschweiß der anderen Schüler. Sehen konnte ich es nicht, denn ich hatte den Blick nicht von den Raubtieraugen im Gesicht von Böllerberg genommen. Judy war eine gute Trainingspartnerin.
Sie erzählt, wie der impulsive Schüler Heinrich Sobeck nach einer Schlägerei in einen Konflikt mit der Schulleitung gerät und durch einen Einbruch in die Redaktion der Schülerzeitung unfreiwillig zum Ermittler wird.
Weil er zwei bekannte Schläger der Schule brutal stoppt, als sie einen jüngeren Schüler misshandeln. Seine Selbstverteidigung wird ihm als übertriebene Gewalt ausgelegt.
Zwei gewalttätige Schüler aus der 12, die jüngere Schüler einschüchtern, berauben und regelmäßig körperlich attackieren. Heinrichs Eingreifen macht sie zu seinen Gegenspielern.
Er ist die schulische Autorität, die Heinrichs Verhalten verurteilt, aber gleichzeitig erkennt, dass Heinrichs journalistische Fähigkeiten nützlich sein könnten – und zwingt ihn zu einem Artikel über Gewalt an Schulen.
Er ist Heinrichs „Strafarbeit“, aber gleichzeitig sein erster Schritt in Richtung investigativer Arbeit – und später der Schlüssel, der ihn in den Einbruch verwickelt.
Der neue Computer, auf dem Heinrich seinen Artikel geschrieben hat, wird gestohlen. Damit verliert er seine Arbeit und wird als möglicher Täter befragt.
Mit einer Mischung aus Wut, Trotz und verletztem Stolz. Er fühlt sich ungerecht behandelt, bleibt aber kooperativ und liefert wichtige Hinweise.
Breuer ist der Ermittler, der Heinrichs Aussage aufnimmt – und ihn später als inoffiziellen Informanten einsetzt, weil Heinrich Zugang zu Schülern und Lehrern hat.
Weil er neugierig, impulsiv, sozial vernetzt und journalistisch interessiert ist. Er bewegt sich zwischen verschiedenen Gruppen und hat ein gutes Gespür für Konflikte.
Armut, familiäre Vernachlässigung, Gewaltspiralen, Gruppendruck, fehlende Vorbilder und die Frage, wie Schule mit solchen Problemen umgehen sollte.
Seine Eltern – beide Lehrer – sind streng, kritisch und emotional distanziert. Heinrich fühlt sich ungeliebt und beginnt zu hinterfragen, ob seine Wut aus dieser Kälte stammt.
Die Geschichte deutet an, dass seine Wut aus jahrelanger emotionaler Vernachlässigung stammt. Sport und Kampfsport sind seine Ventile – aber auch Auslöser für impulsive Eskalationen.
Sie ist Heinrichs Rückzugsort, sein kreativer Raum – und später der Tatort des Einbruchs, der ihn in die Rolle des Ermittlers zwingt.
Er beginnt, seine eigene Gewalt kritisch zu hinterfragen, erkennt gesellschaftliche Zusammenhänge und wächst in eine Rolle hinein, die zwischen Journalist und Detektiv liegt.
Weil der Einbruch, die Befragung und Breuers Bitte um Mithilfe den Grundstein für Heinrichs spätere Rolle als Ermittler legen – ein Motiv, das in weiteren Sobeck‑Geschichten wiederkehrt.
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